Unseresgleichen und wie wir oft höchstens ein “Like” vom Online-Mobbing entfernt sind. Sind wir denn alle Facebook-Lemminge?
„Seltsam, wenn Journalisten meinen, dem ,Facebook-Mob‘ moralisch überlegen zu sein.“ So betitelte Walter Gröbchen seine dieswöchige Kolumne in der Presse am Sonntag.
Hintergrund für seine Kritik an der vermeintlichen Überheblichkeit mancher Journalisten ist der Diskurs über den Jungpolitiker Sebastian Kurz, der seit vergangener Woche das neu geschaffene Amt des Integrationsstaatssekretärs innehat. Bereits kurz vor seiner Angelobung bildeten sich zwei mitgliedsstarke Gruppen auf Facebook. „Kurz als Integrationsstaatssekretär? – NEIN DANKE“ heißt eine davon. Die andere, im Titel etwas humorvoller angelegt: „Ich mach den Integrationsstaatssekretär bei Humboldt“ hat bereits über 29.000 Mitglieder. Mittlerweile schießen haufenweise ähnliche Gruppen und auch Gegengruppen aus dem Boden.
Dann tritt doch seinem Fanclub bei, wenn du ihn so toll findest!
Wer sich gegen eine mediale Abschlachtung des politischen Jungspunds aussprach, stieß über kurz oder lang auf heftiges Unverständnis und den Vorwurf, man würde sich moralisch überlegen fühlen, wie auch Walter Gröbchen ihn vorbrachte. Man könne ja auch in der Fangruppe für Sebastian Kurz „Trost suchen“ hieß es in manchen Kommentaren. Man kann also nur für oder gegen Kurz sein. Gut zu wissen. Wer sich nicht an den Angriffen auf Kurz beteiligen will, ist also automatisch für ihn. Warum?
Dass Kurz aufgrund seiner nicht vorhandenen Kompetenz für dieses Amt eine Fehlbesetzung ist, darüber ist man sich im medialen Diskurs einig. Seine Bestellung illustriert die Geringschätzung der ÖVP für ein Amt, das Österreich dringend notwendig hat. Auch handelt es sich um eine sehr sensible Aufgabe, der sich der 24-Jährige nun gegenübersieht. Da er bisher nur durch seine „Geilomobil“-Wahlkampagne innerhalb für JVP auffiel, sind Zweifel an seiner Reife für dieses Amt nicht unbegründet. Selbstverständlich besteht hier eine Notwendigkeit sich inhaltlich – auf sachliche Weise – kritisch mit der Entscheidung Spindeleggers für Kurz auseinanderzusetzen.
Wir sind die Bildungsschicht, wir dürfen das!
Online-Aktivismus in der Art, wie er jetzt gegen Sebastian Kurz gemacht wird, gibt es beinahe so lange, wie es Social Media gibt. Man denke nur an die Initiative „Wir helfen Fekter“, die vermutlich Dutzende von uns unterschrieben haben. Wir sind die Wissensgesellschaft, wir haben ein Recht auf billige, vermeintlich satirische Aktionen. Das glauben wir, auch wenn wir selbst nicht oft genug darüber nachdenken. So lustig war aber die „Wir helfen Fekter“-Initiative ja gar nicht, oder?
Natürlich fällt es in Zeiten von Facebook und Co leicht sich zu einem Rudel zusammenzurotten und seinem Missmut lautstark Luft zu machen. Das Einzige, was man heute dafür tun muss, ist letztendlich nur auf das Wörtchen „Like“ zu klicken. Nun unterstelle ich nicht allen, die das getan haben, dass sie im Geiste bereits ihre Mistgabeln polieren, um Kurz den Garaus zu machen. Viele „Likes“ dieser Gruppe sind – wie Walter Gröbchen auch sagt – eher eine Reaktion darauf, dass Kurz der falsche Mann für den Job ist. Jedoch entwickelt sich bei solchen Social Media Events unverkennbar eine negative Dynamik. Events wie dieses bieten eben nicht nur Leuten, die nur Dampf ablassen wollen, eine Bühne, sondern auch einem riesigen Haufen aggressiver Blindgänger, die die Gelegenheit beim Schopf packen, um eine Hexenjagd anzuzetteln.
In den Kommentaren in der Gruppe finden sich Hunderte Kurz/kurz-Wortwitze – einige amüsant, andere platt. Außerdem Spott über seine Frisur und seine Herkunft. Die negative Stimmung, die dadurch generiert wird, ist nicht zu unterschätzen.
Denn obwohl wir alle gerne so tun, als wären Facebook und Twitter nur ein Spielplatz für unsere Gedanken und eine Parallelwelt, die eh nicht echt ist, wissen wir heute, dass die „virtuelle Welt“ es vermag, die „reale“ zu beeinflussen. Im Falle Sebastian Kurz glaubt wohl keiner, dass die Facebook-Initiative eine Umbesetzung in der Rolle des Integrationsstaatssekretärs zur Folge haben könnte. Vielleicht wäre es aber besser, den einen oder anderen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden, die mit einer solchen Mob-Bildung einhergehen können.
Facebook-Mob? – NEIN DANKE
Was meinen von mir ehrlich hoch geschätzten Kollegen Walter Gröbchen angeht, so finde ich nicht, dass man sich schämen muss, deutlich zu artikulieren, wie fern es einem liegt, auf Facebook den Sandkisten-Rabauken zu spielen, nur weil es eh so leicht geht. Für Selbstreflexion ist es nie zu spät und geschadet hat sie auch noch keinem. Wir müssen uns darüber im Klaren werden, was wir tun, wenn wir uns einer Facebook-Gruppe anschließen und erkennen, dass „der Mob“ nicht zwingend nur die anderen sind.
Auch ich konnte im ersten Augenblick des Ärgers nicht widerstehen, mir online Luft zu machen. Die Niederschwelligkeit neuer Medien verleitet dazu. Nach kurzer Beobachtung der genannten Facebook-Gruppen und auch den Meldungen auf Twitter, habe ich meine Meinung aber schnell geändert. Ich bin dagegen, dass sich manche online aufführen, wie sie es im „richtigen Leben“ auch nicht tun würden – und wie sie es auch nicht tun sollten. Jeder Mensch hat ein Minimum an Respekt verdient, so auch Sebastian Kurz – möge er auch als inkompetent gelten. Sollten sich die Befürchtungen bewahrheiten und Kurz richtet eine Katastrophe an, ist immer noch Zeit für Online-Aktivismus.
Wenn einige mich nun der moralischen Selbstbeweihräucherung anklagen – nur zu.
erschienen auf www.fm5.at
