Die zwei Gesichter Serbiens

Hier ein Blogeintrag, den ich 2011 für diePresse verfasst habe. Es geht um Ratko Mladic, Novak Djokovic und ein bisschen um Serbien zwischen gestern und heute.

Wir sind zu einer günstigen Zeit hier um eine interessante Stimmung einzufangen. Vor etwa einem Monat lieferte Serbien Ratko Mladić endlich an den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag aus. Gleichzeitig feiert Serbien seinen neuen Helden Novak Đoković.

Wir sind zu einer günstigen Zeit hier um eine interessante Stimmung einzufangen. Vor etwa einem Monat lieferte Serbien Ratko Mladić endlich an den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag aus. Seit dem Jahr 1995 liegt eine Anklage wegen Völkermordes an 8000 bosnischen Männern und Jugendlichen in Srebrenica gegen Mladić vor. Als Serbiens Bewerbung um den EU-Kandidatenstatus zu scheitern drohte, begann das Regime mit der intensiveren Suche nach Ratko Mladić und fand ihn eigentlich viel zu schnell um die Behauptung aufrechtzuerhalten, dass man die ganze Zeit gründlich nach ihm gefahndet hätte. „Es ist so offensichtlich, dass die Regierung die ganze Zeit über wusste, wo Mladić ist. Als der Antrag auf Kandidatenstatus beinahe abgelehnt wurde, haben sie ihn dann plötzlich „gefunden“ und erwarten sich nun davon, dass sie in die EU aufgenommen werden“, sagt Bojana Barlovac, Journalistin bei BIRN.

Wir haben viele Stimmen wie diese gehört, seit wir hier sind. Die wenigsten Menschen hier glauben, dass die Regierung in den letzten Jahren wirklich nach Mladić gesucht hat. Durch die Ablehnung des Kandidaten-Antrags kommt die EU-befürwortende Fraktion der serbischen Regierung in Zugzwang Ergebnisse vorzulegen. Deshalb wurde Mladić ausgeliefert, sagen viele hier.

Nach Mladić kräht kein Hahn mehr

Es ist nicht so, dass seine Auslieferung für die Menschen hier überhaupt nicht relevant ist. Abgesehen von den bizarren Aussagen serbischer Ultranationalisten, gibt es jedoch nicht sehr viel Gesprächskultur über Mladić. „Die Serben sind müde darüber zu reden. Sie wollen sich nicht mehr mit den Schatten der Vergangenheit herumplagen“, sagt der serbische Journalist Dejan Anastasijević. Das Verfahren gegen Mladić läuft bereits. Am 3. Juli warf ihn der Richter aus dem Gerichtssaal, weil er kontinuierlich das Verfahren störte und sich respektlos benahm. „Es kam in den Medien, aber keinen interessiert es. Wieso? Weil am gleichen Tag das Wimbledon-Finale war und alle Novak Đokovićs Sieg feierten. Ich als Journalist muss dem irgendwie zustimmen. Đokovićs Erfolg hat Neuigkeitswert. Ratko Mladić, der sich vor einer internationalen Institution daneben benimmt, ist hingegen überhaupt nichts Neues“, so Anastasijević weiter.

Novak Đokovićs Sieg ist inhaltlich politisch irrelevant. Allerdings ist sein Aufstieg zum Popstar der serbischen Imagepolitik ein hervorragendes Beispiel für die politisch aufgeladene Atmosphäre des Landes. Einfach alles hier ist Politik, sogar die Dinge, die eigentlich überhaupt nichts damit zu tun haben, wie Tennis.

Serbiens Lieblingskind

Als Đoković Wimbledon gewann, feierten die Serben in den Straßen. Überall hier hängen Plakate, auf denen er zu sehen ist. Der junge Tennis-Star ist der Stolz Serbiens. Jeder hier hat davon gehört und die meisten Leute, die wir hier trafen, kamen auf ihn zu sprechen. „Er repräsentiert das Bild, das Serbien nach außen hin vermitteln möchte“, erklärt Dejan Anastasijević. „Er ist jung, er sieht gut aus, er ist extrem talentiert und was am wichtigsten ist, er benimmt sich anständig.“ Das ist der Ruf, den Serbien international gerne hätte. Đoković ist der Traumschwiegersohn der Nation.

Mladić und Đoković sind zwei Seiten derselben Medaille. Beide stehen auf ihre Art für Serbien. Momentan liegt die Aufmerksamkeit bei Đoković und der positiven Stimmung, die sein Sieg ausgelöst hat. Sein Erfolg lässt die Serben ihr Erbe von Krieg und Zerstörung vergessen, das schwer auf dem ganzen Land lastet. „Das ist verständlich und legitim“, sagt Anastasijević „aber ganz so leicht geht das nun einmal nicht, bei einer Vergangenheit wie der serbischen“. Dieser Tage könnte man aber fast meinen, dass das in Vergessenheit gerät. Präsident Boris Tadić, der Đoković persönlich zu seinem Sieg gratulierte, sagte am Tag des Finales: „Ich kann es nicht erwarten, dass Đoković Präsident wird. Ich kann es kaum erwarten, einem so erfolgreichen Menschen meinen Sessel zu überlassen.“ Sätze wie dieser sagen eine Menge über die Wertigkeit dieses sportlichen Sieges aus. „Tadić benimmt sich lächerlich. Er sollte so etwas nicht sagen. Đoković ist ein guter Tennisspieler, aber Tadić ist Präsident. Das kann man doch nicht einfach so zur Nichtigkeit erklären“, sagt ein junger Musiker aus Belgrad kopfschüttelnd.

Die Instrumentalisierung positiver Ereignisse, Sport und Musik für politische Zwecke hat in Serbien Tradition und erlebt durch Đoković gerade noch einmal einen Aufschwung. Es ist eine Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Serbien, das immer von seiner Vergangenheit belastet sein wird, erfährt gerade eine intensive Phase des Lebens im Hier und Jetzt.